„Die Lebensmittelrettung ist unser wichtigstes Anliegen.“

Seit Mitte August 2020 steht bei der Kirche St. Maria in der Tübinger Straße der EssensFairVerteiler Harry’s Bude. Am 01. April 2021 hat Ulf Menck vom Gebrüder Schmid Zentrum – Generationenhaus Heslach mit Harry Pfau folgendes Interview geführt.

Ulf Menck (UM): Welche Lebensmittel bieten Sie an?

Harry Pfau (HP): Hier an Harry’s Bude verteilen wir gerettete Lebensmittel: Brot, Gemüse, Obst, Milchprodukte und manchmal belegte Brötchen, kein Fleisch. Das warme Essen kommt von der Küche des Rudolf-Sophien-Stift. Das ist von der Kirche finanziert. Ein weiteres Angebot ist das Projekt Suppoptimal der Bürgerstiftung Stuttgart. Hier wirken verschiedene Kantinen mit.

UM: Wo kommen die geretten Lebensmittel her? Handelt es sich um freiwillige Spenden?

HP: Ein Teil läuft über den Verein Foodsharing. Weiterhin haben wir Kontakte zu verschiedenen Lebensmittelläden wie einer Bio-Supermarktfiliale. Wichtig zu erwähnen sind auch die Marktstände, zum Beispiel der Markt am Bihlplatz. Die Lebensmittel, die wir bekommen, würden sonst weggeworfen werden.

UM: Wer hilft Ihnen bei der Essensausgabe?

HP: Das sind Menschen, die ehrenamtlich tätig sind. Wir arbeiten in drei Schichten à zweieinhalb Stunden. Unser Angebot besteht sechs Tage in der Woche, Montag bis Samstag von 10 bis 17 Uhr. Teilweise geben wir auch feiertags Lebensmittel aus, da die Bedürftigen an den Sonn- und Feiertagen Schwierigkeiten haben, sich zu versorgen. Dies läuft über das Projekt Suppoptimal.

UM: Wie wird der EssensFairTeiler angenommen?

HP: Sehr gut. Durchschnittlich kommen 160 Leute pro Tag. Insgesamt hatten wir schon an die 21.000 Kunden. Gibt man jeder Person 500 Gramm Essen, kommen wir auf eine große Menge an geretteten Lebensmitteln.

UM: Wer sind die Kunden?

HP: Das ist ganz verschieden. Ein Anteil sind Menschen, die auf der Straße leben. Sie kommen vor allem morgens. Wir versorgen sie mit Brötchen und Brezeln. Es kommen viele ältere Leute, aber durchaus auch jüngere. Unter ihnen sind Studenten, deren Nebenjobs während der Corona-Krise weggebrochen sind. Unser Angebot ist in einigen Fällen überlebensnotwendig. So kam einmal eine junge Studentin zu uns, die sagte, dass sie ohne uns an diesem Tag nichts zu essen gehabt hätte.

UM: Ist die Bude auch ein Treffpunkt?

HP: Das ist unser Motto: Brot und Trost. Die Bude ist auch ein Ort, wo man sich unterhalten kann. Natürlich alles unter Einhaltung der geltenden Corona-Maßnahmen. Darüber hinaus kann man hier wichtige Informationen erhalten. So funktioniert der FairTeiler auch als Info-Stand. Für Obdachlose haben wir zudem schon Schlafsäcke ausgegeben, die vom Verein Helfende Hände gespendet worden waren. Die Lebensmittelrettung ist jedoch unser wichtigstes Anliegen.

UM: Gibt es interessante Begegnungen?

HP: Ja, man kommt hier schnell mit den Kunden ins Gespräch. Manchmal muss man einen Schritt auf die Menschen, vor allem die Älteren, zugehen. Sie haben oft eine gewisse Scheu, nach Lebensmitteln zu fragen. Ihre Würde muss dabei bewahrt werden. Nicht allen sieht man die Bedürftigkeit an. Personen, die die Essensausgabe ausnutzen, gibt es nur wenige.

UM: Wer hatte die Idee zum EssensFairVerteiler?

HP: Das hat sich entwickelt. Zu Beginn war es ein Versuch. Es gab verschiedene Anfragen. Ich habe die Sache dann zum Laufen gebracht. Darum auch der Name: Harry`s Bude.

UM: Was ist für die Zukunft geplant? Gibt es weitere Ideen?

HP: Harry’s Bude ist ein Modell, das auch andere inspiriert. Über die katholische Gemeinde Stuttgart Süd ist der EssensFairTeiler als Unternehmen mit einer Genehmigung angemeldet. Erwin’s Bude an der Matthäuskirche ist so etwas wie der kleine Bruder von uns. Wir können mögliche weitere Ableger beraten und Verbindungen herstellen. So kann die Idee der Lebensmittelrettung ausgebaut werden. Die Essensausgabe hier wird erstmal auf unbestimmte Zeit fortbestehen. Wir werden sehen, wie sie sich zukünftig weiterentwickelt.

UM: Ich danke Ihnen für das informative Gespräch und wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Auch Mitarbeitende des Gebrüder Schmid Zentrums unterstützen Harry Pfau bei seinem Anliegen, Lebensmittel zu retten und diese an Bedürftige zu verteilen.

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