Das Tausch-Regal in Heslach

Es ist angenehm warm, der Frühling naht. Vogelgesang liegt in der Luft. Zeit für einen kleinen Spaziergang im Quartier. Der Erwin-Schoettle-Platz – schräg gegenüber dem Generationenhaus Heslach –  ist belebter als in den Wintermonaten. Einige Frauen und Männer spielen Boule. Die hölzernen Bänke im Umfeld sind alle besetzt, die Menschen essen Döner, unterhalten sich oder trinken Kaffee, rauchen eine Zigarette und genießen die warmen Sonnenstrahlen. Als ich den Platz überquert habe und die Anhöhe Richtung Marienhospital hochlaufe, mache ich eine bemerkenswerte Entdeckung. In der Schreiberstraße nehme ich auf der rechten Seite ein Tausch-Regal wahr. Es befindet sich vor dem einstöckigen Haus mit der Nummer 44. Auf dem Treppeneingang sitzt eine ockerfarbige Katze und schaut mich aus ihren unergründlichen Augen neugierig an. Das Regal ist mit allen möglichen Büchern gefüllt. Ich sehe eine neue Auflage von Grimms Märchen, Hermann Hesses „Siddhartha“ und als ich etwas näher trete auch eine kleine Reclam-Ausgabe von E.T.A. Hoffmanns „Der goldne Topf“. Ansonsten Krimis, Unterhaltungsromane und viele sonstige Schmöker, die darauf warten, durch ein anderes Buch ausgetauscht zu werden.

In der obersten Ablage des Regals fällt mir ein Werk mit einem schön verzierten Einband auf. Es scheint mindestens hundert Jahre alt zu sein, vielleicht noch älter. Ich ziehe es vorsichtig heraus. Bei der Berührung spüre ich einen elektrischen Impuls, von der Empfindung ähnlich wie wenn man an ein Metallgeländer fasst, das elektrisch aufgeladen ist. Seltsamerweise befindet sich weder auf der Vorderseite noch auf dem Buchrücken ein Titel. Ein namenloses Exemplar. Als ich es öffne, staubt es. Ich blättere durch die leicht vergilbten Seiten, zu meiner Verwunderung sind sie alle leer, ein Buch ohne Titel und ohne Inhalt. Ein wunderliches Ding, denke ich mir. Vielleicht ist es mit unsichtbarer Tinte beschrieben, die nur sichtbar wird, wenn man die Seiten mit einer bestimmten Flüssigkeit bearbeitet. Ich schaue in den blauen Himmel, auf dem ein paar helle Wolkenfetzen sowie ein weißer Halbmond zu sehen sind. Es ist ein Bilderbuch-Vorfrühlingstag. Als ich meinen Blick wieder senke, spiegelt sich meine Gestalt in einer Wasserpfütze – in der Nacht hatte es noch geregnet. Den Grund, warum ich das namenlose Werk in meine schwarze Umhängetasche stecke, weiß ich nicht sicher. Nicht um es zu behalten, nein, eher, um es etwas genauer zu untersuchen und es vielleicht einem Freund zu zeigen. Leider habe ich auch kein Tauschbuch dabei, so dass die Stelle im Regal erstmal leer bleibt. In diesem Moment höre ich die eisernen Glocken der Matthäuskirche schlagen. Laut meiner Armbanduhr ist es exakt elf Uhr. Bevor ich wieder zum Erwin-Schoettle-Platz hinuntergehe, sehe ich aus den Augenwinkeln, dass die Katze vom Treppeneingang verschwunden ist.

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