„Ins Netz gehen“ – Aktionstag Digitalisierung für Ältere

 


Am 14. März 2019 fand der Aktionstag „Ins Netz gehen – Digitalisierung für Ältere“ im Alten Feuerwehrhaus Süd statt.
Die Veranstaltung wurde vom „treffpunkt 50plus“ in Kooperation mit der „AWO Stuttgart“, der „Caritas Stuttgart“, dem „Deutschen Roten Kreuz“ sowie dem „Gebrüder Schmid Zentrum“ ausgerichtet.


Senior*innen in der digitalen Welt – das ist schon lange Alltag. Doch die Digitalisierung bietet noch viel mehr als nur elektronisch versendbare E-Mails und Online-Lexika. Längst ist sie in fast allen Bereichen unseres Daseins angekommen. Der Aktionstag „Ins Netz gehen – Digitalisierung für Ältere“ präsentierte dazu eine ganze Palette neuer Anwendungsbereiche, die nicht nur für ältere Menschen von Interesse sind.

Um 9.00 Uhr in der Früh öffnete das Alte Feuerwehrhaus Süd seine Pforten, um die mehr als 250 Digital-Interessierten in seinen Räumen mit Kaffee und Butterbrezeln willkommen zu heißen. Kurz darauf begrüßte Frau Bolsinger von der AWO Stuttgart und Herr Reusch-Frey vom treffpunkt 50plus die Anwesenden. Ein Grußwort von Frau Dagmar Eckhardt vom Sozialamt der Stadt Stuttgart folgte. Nun war die Bühne für die Vortragenden frei.

Intelligentes Wohnen – Anja Schwarz (DRK Wohnberatungsstelle)
Was früher noch nach ‚schöner neuer Welt‘ klang, erobert in Windeseile unsere Küchen, Bäder und Schlafzimmer: Das SmartHome, ein Wohnen mit technischer Unterstützung, bei dem die einzelnen Geräte miteinander vernetzt sind.
Von der mittels Sprachbefehl sich öffnenden Tür bis zum ‚schlauen‘ Kühlschrank gibt es heute viele Möglichkeiten, das Wohnen komfortabler und einfacher zu gestalten. Aber sind diese technischen Neuerungen wirklich vonnöten?
Frau Schwarz wies in ihrem Vortrag auf die zahlreichen Unfalltoten hin, die zuhause passieren, z. B. beim Treppensteigen. Ein Treppenlift kann da behilflich sein, im Bad das ‚intelligente‘ WC. Dieses kommt ganz ohne Toilettenpapier aus und kann nach Bedarf auch eine Urinkontrolle an den zuständigen Arzt weiterleiten. In diesem Kontext sind auch die bodengleiche Dusche mit Pumpe, die Herdsicherung und die Pillenbox mit eingebauter SIM-Karte zu nennen. Sicherheit und Gesundheit stehen hier an erster Stelle, datenschutzrechtliche Bedenken sind jedoch sicher auch angebracht.
Ein Löffel, der den Tremor eines Parkinson-Erkrankten ausgleicht, ist zweifellos sinnvoll. Ob man allerdings eine Matratze mit Sensoren benötigt, die den Schlafenden morgens automatisch in die Aufstehposition hebt, muss jeder selbst entscheiden. In Hinblick auf die Altenpflege merkte Frau Schwarz abschließend an: Roboter können helfen, den Menschen jedoch nicht ersetzen.
Weitere Informationen unter: https://www.drk-stuttgart.de/angebote/wohnen-und-betreuung/wohnberatung.html

Online-Banking (BW-Bank Stuttgart)
Danach informierten zwei Mitarbeiter von der Baden-Württembergischen Bank über die Art und Weise, seine finanziellen Geschäfte digital zu erledigen. Die häufige Kritik der größeren kriminellen Gefahr durch das Online-Geschäft wiesen die Fachkundigen zurück. Das Chip-Tan-Verfahren sowie die Passwortsicherung des digitalen Kontos sei 100 % sicher und zusätzlicher Schutz wird angeboten.
Darüber hinaus: Die BW-Bank überreichte den Veranstaltern des Aktionstags einen Scheck über 3.000 Euro.
Infos zum Online-Banking der Baden-Württembergischen Bank: https://www.bw-bank.de/de/home/service/onlinebanking.html

Docdirect – smart zum Arzt
Direkt im Anschluss betrat Frau Maria Häuser von der Kassenärztlichen Vereinigung das Podium, um einen noch kein Jahr alten Ansatz der hausärztlichen Versorgung vorzustellen: Docdirect.
Docdirect ermöglicht Patient*innen in Baden-Württemberg werktags von 9.00 bis 19.00 Uhr die Teilnahme an einem Fernbehandlungsprogramm der sogenannten Telemedizin. Über eine App, das Internet oder per Telefon wird eine Verbindung mit einem medizinischen Fachangestellten hergestellt, der dem Kontakt einen Haus- oder Kinderarzt zuweist, der sich dann beim Patienten meldet. Dies soll eine schnellere und direktere Beratung ermöglichen, allerdings nur bei kleineren, leicht zu behandelnden Leiden wie Magen-Darm-Infekte oder einem grippalen Infekt. Denn: Ein Kassenrezept kann weiterhin nur bei einem Hausarzt vor Ort ausgestellt werden.
Der Service ist zusätzlich auch für Reisende im In- oder Ausland verfügbar. Für die schwindende Zahl an Hausärzten und für die Krankenhäuser soll die Fernbehandlung entlastend wirken.
Mehr Wissenswertes zum Angebot und die kostenlose Anmeldung finden sie hier: https://www.docdirekt.de

Gesundheit mit Hilfe der Technik – Prof. Dr. Clemens Becker, Robert-Bosch-Krankenhaus
In seinem Vortrag legte Prof. Dr. Becker den Schwerpunkt auf die allgemeine Fortentwicklung oder Evolution der technischen Möglichkeiten in der medizinischen Versorgung. Mit diesen erhalte die Patient*innen mehr Wissen und Informationen über ihre Gesundheit bzw. Erkrankung, wodurch sie immer mehr zum Doktor ihrer selbst werden, zum ‚Dr. You‘.
Heute wird den Patient*innen mit Hilfe einer Vielzahl von Geräten ermöglicht, ihre gesundheitliche Stabilität eigenständig zu messen und zu analysieren, bspw. die Blutdruckwerte. Das quantifizierte Selbst ist damit im Besitz von Informationen, die der zu behandelnde Arzt womöglich nicht hat, und ist dadurch befähigt, bei der medizinischen Behandlung mitzuentscheiden. Dieser Gewinn an Wissen kann jedoch mit einer Verschlechterung der Arzt-Patienten-Beziehung einhergehen. Ein weiterer Minuspunkt entsteht durch die permanente technische Überwachung des Körpers, der einen Verlust an Privatheit bedeuten kann. Dies ist insbesondere beim SmartHome der Fall, wodurch der Mensch sogar einen Teil seiner Autonomie zu verlieren droht.
Zum Schluss wies Prof. Becker auf eine etwas schwarzhumorige Studie aus Australien hin, die den Zusammenhang zwischen Gehgeschwindigkeit und Lebenserwartung untersucht hat. Diese besagt, dass umso langsamer die Schrittgeschwindigkeit eines Menschen ist, umso näher kommt ihm sein Lebensende in der Gestalt des Sensenmanns, dem ‚grim reaper‘.
Wer nun die Schrittmess-App seines Smartphones bemüht, um seine verbleibende Zeit auf Erden zu berechnen, wird jedoch getäuscht. Denn diese berechnet nicht die Schrittgröße mit ein, die für eine korrekte Messangabe von immenser Wichtigkeit ist. Jedoch sei nach Prof. Becker eine entsprechende App bereits in Entwicklung.
Mehr zur genannten Studie in der ÄrzteZeitung vom 21.12.2011: https://www.aerztezeitung.de/panorama/gesellschaft/article/684093/schnell-laeuft-sensenmann.html

 

 

Weitere Angebote gab es in Form von Informationstischen, die der Veranstaltung einen ‚Messe-Charakter‘ gaben:

KommmiT (Kommunikation mit intelligenter Technik)
Senior*innen erklären Senior*innen die digitale Welt und Kommunikation – ein Projekt zur Förderung des bürgerschaftlichen Engagements, bei dem u. a. der treffpunkt 50plus, das Wohlfahrtswerk Stuttgart und das Sozialamt der Landeshauptstadt Stuttgart zusammenarbeiten. Ziel ist es, niederschwellig älteren Menschen die digitale Teilhabe zu ermöglichen. Während der Teilnahme am Projekt wird kostenfrei ein Tablet zur Verfügung gestellt.
Weitere Infos unter: https://www.kommmit.info

Internetcafé für Senior*innen im Gebrüder Schmid Zentrum Computersprechstunden sowie gemeinsames, betreutes Surfen.
Infos unter: http://www.seniorennet-stuttgart.de

Rölke Pharma – Silverfit
Auf Computertechnologie basiertes Rehabilitationssystem, das in der Physiotherapie eingesetzt wird. Enthält verschiedene motorische Trainingsprogramme, die in Computerspielen umgesetzt sind. Diese sollen die Motivation heben und Spaß machen.
Weitere Infos unter: https://roelkepharma.de/senioren_training_therapie.php

Sprechstunde zu Smartphone, Tablet & Co. – Caritasverband für Stuttgart e. V.
Jahreskampagne des Deutschen Caritasverbandes 2019 „Sozial braucht digital“:
https://www.caritas.de/magazin/kampagne/sozial-braucht-digital/startseite-kampagne-2019

Stadtbibliothek Stuttgart – eBibliothek
Mit einem gültigen Bibliotheksausweis lassen sich im Onleihe-Portal rund um die Uhr digitale Medien virtuell ausleihen: https://www.onleihe.de/stuttgart

Stuttgarter Zeitung & Stuttgarter Nachrichten
Auch die Stuttgarter Tageszeitungen sind digital verfügbar und waren mit einem Informationsstand vertreten.
Infos: https://www.stuttgarter-zeitung.de/epaper & https://www.stuttgarter-nachrichten.de/epaper

unitymedia – Beratung
So kommt das Internet nach Hause:
https://www.unitymedia.de

Volkshochschule Stuttgart
Die vhs bietet ebenfalls IT-Schulungen an: https://vhs-stuttgart.de

Werkstatt Wohnen der KVJS und Wohnen ohne Hindernisse – Stadt Stuttgart
Beratung zu barrierefreiem und sicherem Wohnen im Alter, technischen Neuerungen sowie Umbaumaßnahmen.
Weitere Infos unter: https://barrierefrei-wohnen.kvjs.de/werkstatt-wohnen & http://www.dipb.org

Wii Bowling und eine Reise mit der Virtual-Reality-Brille


Resümee
Das Echo der Teilnehmer*innen am Aktionstag „Ins Netz gehen – Digitalisierung für Ältere“ fiel rundherum positiv aus. Besonders die etwas älteren Menschen fühlen sich von dem rasch voranschreitenden technologischen Fortschritt abgehängt und fürchten sich davor, vergessen zu werden. Dabei haben sie Interesse an der digitalen Welt und sind auch bereit, Neues dazuzulernen. Die hohe Besucherzahl unterstreicht diese Aussage. In der Region mangelt es leider an ebensolchen Angeboten für Senior*innen, die den Übergang vom analogen ins digitale Zeitalter praktisch und verständlich erläutern – dabei jedoch nicht bei wissensreichen Vorträgen stehen bleiben, sondern konkrete technische Geräte und Dienste sowie deren Funktionen anwenderfreundlich den zukünftigen Nutzer*innen näherbringen.
Wegen der Wichtigkeit der Thematik und infolge des starken Andrangs von Interessent*innen 2019 sind sich die Organisatoren einig, im Jahr 2020 abermals einen Digitalisierungstag für aufgeschlossene Senior*innen zu planen und zu veranstalten.

(Ulf Menck)